Professionell

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Die gesellschaftliche Situation auf der Welt ist im Wandel und macht selbstverständlich auch vor der Kirche nicht halt. Grundlegend lässt sich feststellen, dass „die Welt“  komplex ist. Alles ist miteinander verbunden, nicht leicht zu durchschauen, viel- und mehrdeutig und unterliegt einem schnellen Wandel. Unsicherheit ist oft die Folge, manchmal auch Ratlosigkeit. Die pastoralen Zugänge, die sich über viele Jahre bewährt haben, stoßen in dieser Situation oftmals an ihre Grenzen. Gleichzeitig gehen auch die personellen und finanziellen Ressourcen immer mehr zurück.

An den verschiedensten Stellen innerhalb der Gesellschaft ändert sich daher das Verhalten der Akteure: es entstehen kleine Organisationseinheiten, die viel schneller und besser auf Veränderungen in der Umgebung reagieren können. Die dabei angewandten Haltungen und Überlegungen können auch für die aktuelle kirchliche Situation nutzbar gemacht werden und einen Beitrag dazu leisten, Kirche zu verändern und zukunftsfähig zu gestalten.

Innovationsphasen

Innovation ist in der aktuellen Welt in aller Munde. Gerade daher braucht es klare Definitionen dieses Begriffes.

Das Wort „Innovation“ wird vom lateinischen Verb innovare (erneuern) abgeleitet und heißt damit wörtlich „Neuerung“ und „Erneuerung. In der Umgangssprache wird der Begriff im Sinne von neuen Ideen und Erfindungen und für deren wirtschaftliche Umsetzung verwendet.

Der Innovationsmanager Tobias Müller-Prothmann konkretisiert dies: „Im engeren Sinne resultieren Innovationen erst dann aus Ideen, wenn diese in neue Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren umgesetzt werden, die tatsächlich erfolgreiche Anwendung finden und den Markt durchdringen (Diffusion).“ (Tobias Müller-Prothmann, Nora Dörr: Innovationsmanagement. Strategien, Methoden und Werkzeuge für systematische Innovationsprozesse. Hanser, München 2009)

Innovation bedeutet also nicht nur „neu“ oder „neue Idee“. Die Übersetzung „Erneuerung“ lässt schon ahnen, dass mit Innovation mehr gemeint ist: Innovation ist ein Prozess und auch eine Haltung,  d.h. „Innovation muss entdeckt/erfunden, eingeführt, genutzt, angewandt und institutionalisiert werden.“ (Gablers Wirtschaftslexikon)

Innovationsarten


So werden Innovationen bezeichnet, wenn diese hinsichtlich der Technologie/des Inhalts und des Geschäftsmodells sehr nah am Bestehenden sind, d.h. sie wollen Bestehendes verbessern.

Beispiel: Ein Automobilhersteller bringt eine neue Version eines bereits produzierten Modells auf den Markt.

Pastorales Beispiel: In einer Pfarrei wird ein neues Firmkonzept entwickelt.

So werden Innovationen bezeichnet, wenn diese entweder hinsichtlich der Technologie/des Inhalts (oder des Prozesses) oder hinsichtlich des Geschäftsmodells neu sind.

Beispiele: Die Einführung von Car-Sharing stellt für den Automobilhersteller solch eine Innovation dar. Es hat sich nichts am Produkt geändert (das Auto bleibt gleich), aber das Geschäftsmodell, also wie Wert bzw. Gewinn generiert wird, hat sich geändert. Ein anderes Beispiel sind Elektro-Autos. Hier ändert sich die Technologie, das Geschäftsmodell (Autos werden verkauft) bleibt gleich.

Pastorales Beispiel: Der Beerdigungsdienst, der nicht mehr nur von Diakonen und Priestern, sondern nun auch von hauptberuflichen und ehrenamtlichen Frauen und Männern übernommen wird.

So werden Innovationen bezeichnet, die eine Veränderung des gesamten Marktumfeldes nach sich ziehen. Das sind neue Produkte, Dienstleistungen oder Prozesse, die radikal Neues bringen.

Beispiel:  i-Tunes hat die Musikbranche verändert und das Streaming als Geschäftsmodell hervorgebracht). Der PC mit seinen technischen Möglichkeiten hat durch die Möglichkeit der Textverarbeitung am Computer  die Schreibmaschine verdrängt.

Die Plastik-/Wegwerfwindel hat in den 1970er Jahren dazu geführt, dass ganze Geschäftsmodelle rund um Windellieferung und Reinigung wegfielen.

Die Digitalkamera hat die Filmkamera weitestgehend vom Markt verdrängt.

Pastorale Beispiele:

Jesus selbst war oft disruptiv: „Der Sabbat ist für den Menschen da“, „Die ersten werden die Letzten sein!“, „Kindern gehört das Himmelreich“, „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, . . .

Die Gründung der ersten christlichen Gemeinden.

Die Reformation hat die Kirchen radikal verändert.

Da zur Kirche und zur Glaubensweitergabe aber immer auch das Bewahren und die Weitergabe der Frohen Botschaft gehört, wird es im pastoralen Bereiche vermutlich meist mehr um Innovationen gehen, die im Zusammenhang mit der Suche nach Lösungen für pastorale Probleme und Herausforderungen stehen. Die Botschaft, also der Inhalt ist nicht neu, aber das Geschäftsmodell kann und muss sich ändern.

Innovationshaltungen

Innovation braucht ein verändertes Denken und Handeln, das

  • flexibel ist
  •  an den Bedürfnissen und Problemen der Nutzenden ausgerichtet ist
  • Fehler zulässt
  • erstmal ausprobiert und testet
  • versucht mit den vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten zu arbeiten
  • unterschiedliche Menschen und ihre Professionen in den Entwicklungsprozess einbindet

Daher sollen wichtige Begriffe für unsere Arbeit und für diese Haltung hier kurz erklärt werden.


Über unzählige Jahre schien Kirche zu wissen, was die Menschen, also ihre Nutzenden brauchen. Die Kirchenaustrittszahlen führen aber deutlich vor Augen, dass die Antworten heute viele Menschen nicht mehr berühren.

Eine Nutzendenorientierung stellt den Menschen mit ihren Aufgaben, Zielen, Eigenschaften und Fragen in den Mittelpunkt.

Was bedeutet dies für einen kirchlichen/pastoralen Innovationsprozess? Diese Fragen sind hilfreich:

  • Wer ist meine wesentliche Zielgruppe? Welche Menschen nutzen mein Angebot?
  • Gibt es unterschiedliche Nutzendengruppen?
  • Welches Nutzenversprechen kann ich den Menschen machen?
  • Warum lohnt sich mein Angebot?
  • Was unterscheidet es von anderen? Und was mache ich besser als andere?

Scheiter früh und oft . . .

. . . oder: Aus Fehlern wird man klug.

Aber, wer macht schon gerne Fehler? Und kann es wirklich sinnvoll sein, Fehler zu machen?

Fehlerfreundlichkeit meint:

  • -einfach mal ausprobieren,
  • -mutig sein,
  • -kreativ sein
  • -überzeugt sein
  • -und aus den gemachten Erfahrungen lernen.

Kein „Ja aber…“, sondern ein, „warum nicht…“ Denn ohne den Mut zum Ausprobieren erstickt jede Innovation im Keim.

Ein kleiner praktischer, aus dem Alltag kaum wegzudenkender Gegenstand kann dabei ein Ermunterer sein: Der Post-it Zettel, denn dieser ist tatsächlich aus einem Fehler, aus einem gescheiterten Experiment entstanden.

Die Erfolgsgeschichte des berühmten Klebezettel beginnt 1968 mit einer verkorksten Erfindung. Eigentlich wollte der Chemiker Spencer Silver einen Superkleber entwickeln, fand aber eine Substanz, deren einziger Vorteil es war, sich von jeder Oberfläche wieder spurlos lösen zu lassen.

Sein Kollege Art Fry suchte für seinen Kirchenchor ein Lesezeichen, das sich vernünftig an die Notenblätter heften ließ. Er bestrich einen Notizzettel mit dem Kleber und geboren war der Post-it.

. . . kennen Sie vielleicht aus der Autobranche, wenn neue Modelle getarnt Testfahrten unternehmen. Aber was sind pastorale Prototypen?

Pastorale Prototypen sind ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg einer Innovation. Ein Projekt wird dabei möglichst klein getestet.

Beispiel: Sie haben für Ihre Pfarrei ein neues Gottesdienstformat für junge Erwachsene entwickelt. Laden Sie zunächst gezielt junge Erwachsene als Gäste zu einem ersten Vorschauabend und zu einem anschl. Feedback ein. Kommen Sie mit Ihnen ins Gespräch, lassen Sie sie laut mitdenken, um so herauszufinden, ob die Idee bei der Zielgruppe wirklich zündet.

Auf Basis dieser Einsichten kann man dann das Konzept so lange verfeinern, bis die bestmögliche Lösung gefunden ist.

. . . oder auch Mittelorientierung in Ungewissheit

Der Effectuation- Ansatz stammt von der Entrepreneurship-Professorin Saras D. Sarasvathy, der mehrfach empirisch ausgewertet und bestätigt wurde. Effectuation lässt sich mit einem ganz alltäglichen Beispiel erklären.

Mit der Kühlschrankmetapher:

Wenn Sie nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommen und großen Hunger haben, stellt sich schnell die Frage: Was kann ich heute Abend essen?

Nun gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Sie überlegen sich ein leckeres Gericht, schauen in den Kühlschrank, was noch da ist und erstellen womöglich eine Einkaufsliste mit den Dingen, die noch fehlen.

2. Eine zweite Möglichkeit ist aber auch: Was ist noch im Kühlschrank vorrätig und was kann ich daraus für ein Abendessen zubereiten? Die vorrätigen Mittel ergeben das Gericht für den Abend.

 

Dies sind zwei völlig unterschiedliche Zugänge. Effectuation arbeitet in der zweiten Form: Mit den vorrätigen Mitteln und Ressourcen, ohne zunächst zu wissen, was dabei herauskommen könnte.

Marlies Hennen-Nöhre

Leiterin des Zukunftsbild-Projekts Gründerbüro

Mira Wählisch

Leiterin des Zukunftsbild-Projekts Gründerbüro